Farbige Welten

Die Geschichte über Kawa spielt in verschiedenen Sphären. Sie ist insgesamt eine Erfindung, und die verschiedenen Episoden spielen an unterschiedlichen Orten, die es zum Teil wirklich geben könnte, zum Teil auch nicht. Ein wichtiges Mittel, diese Sphären zu kennzeichnen ist – neben der Musik – die Farbe.

Blau

Für die Welt der Fantasie und Erzählens steht Blau, verbunden mit dem Symbol des Lebensbaumes. Michel Pastoureau hat ein wunderbares Buch über die Geschichte der Farbe Blau in der europäischen Kunst geschrieben. Mit Blau verbinde ich Kühle, Ferne, Geistiges, Romantik, Melancholie … und bin damit wahrscheinlich nicht allein. Die blau gefärbte Sphäre rahmt die eigentliche Geschichte und verweist damit das Erzählte ins Reich der Fantasie und des Geistigen. Es geht nicht darum, einen Tatsachenbericht vorzutragen, sondern eine Vorstellung zu erzeugen, diese erzählend immer wieder zu beleben und an andere Menschen weiterzugeben.

Rot

Der Gegenspieler zu Blau ist (auch bei Pastoureau!) das Rot. Rot ist die Sphäre Kawas, er bezähmt das Feuer, er leidet, bangt, kämpft, triumphiert – kurz, er fühlt und appelliert an die Gefühle der Betrachter. In seiner Werkstatt ist Kawa in seinem Element. Hier haben sich Rot und Gelb zu feurigem Orange gemischt.

Das Feuer in Rot und Gelb begegnet dem Betrachter später wieder, wenn es ein Freudenfeuer ist.

In Kawas Haus wird das Orange mit dem Rotbraun der Ornamente verbunden und bekommt so eine milde, anheimelnde Wirkung, der vielleicht den Anblick von gebranntem Tongeschirr assoziieren lässt.

Violett

Das Böse ist schwarz. Doch Dahak ist – bei aller Grausamkeit – nicht ausschließlich böse. Ähnlich wie die Orks bei Tolkien möglicherweise ursprünglich Elfen waren und Gollum ein Hobbit, so ist Dahak auch nur ein Mensch. Sein Vater war ein gütiger geachteter Herrscher. Doch wer herrscht, trägt große Verantwortung dafür, sich dem Einfluss des Bösen zu widersetzen. Dahak hat es nicht geschafft: Die Schlangen, die aus seinen Schultern wachsen, sind das Symbol dafür, dass das Böse von ihm Besitz ergriffen hat und auch ihn tyrannisiert.

Violett ist das Mischergebnis von Blau und Rot. Eine Farbe, die mit ganz unterschiedlichen Begriffen in Beziehung gebracht wird: Liturgie, Mystik, Widerstand und immer wieder – Einsamkeit.

Grün

Draußen ist es gerade wieder zu beobachten: Grün ist die Farbe des Lebens, und die vielen unterschiedlichen Grüntöne begeistern mich in jedem Frühling aufs Neue. Yasar Kemal hat bereits in seinen Schilderungen der ostanatolischen Landschaften meine Vorstellung von den braunen, bergigen Einöden korrigiert: Blauer Himmel, blaue Seen, blaue Blumen und drumherum überwältigendes Grün tauchen dort auf. Und meine Freundin Özlem, die als Mitglied eines kurdischen Clans in einer solchen Landschaft aufwuchs, sagte „Grün“, als ich sie nach der Farbe ihrer Kindheit fragte.

In meinem Film steht der Klang Grün – Ocker – Blau für die reale Welt, in der Kawas Geschichte sich ereignen könnte. Diese Welt ist wiederum eingeteilt in drei Sphären: Die schützenden Berge mit dem mächtigen Ararat als Zentrum, die ärmlichen Dörfer an den Berghängen und die Festung von Dahak, für die ich als Symbol von hohem Wiedererkennungswert die Gestalt der Festung von Dogubeyazit gewählt habe.

Unterschiedliche Welten und Schauplätze nebeneinander zu stellen, ist eine Sache. Sie in einer Erzählung zu verbinden, ist eine andere. Im nächsten Beitrag wird es um das verbindende Element gehen, und dabei spielt der magische Vogel Teyre Simir eine Rolle.

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