Bild + Musik = Gefühl

Filmmusik. Das Genre hat die Grenzen zwischen U und E aufgelöst, hat sich aller technischen und kompositorischen Möglichkeiten bemächtigt und ist eine wunderbare Spielwiese für kreative Grenzgänger. Dabei kommt es nicht auf die Menge, die Lautstärke oder die Hitverdächtigkeit an, wie John Williams‘ geniale Musik zum „Weißen Hai“ beweist. Die Musik hält die Bilder in unserem Kopf lebendig. Wie entstand die Musik für „Kawa“?

Jorge Enrique Porras Alvarado ist seit vielen Jahren als Musiker, Toningenieur und Komponist unterwegs. Mir war von Anfang an klar, dass ich seine Musik für meine Geschichte haben wollte. Wir fanden den workflow, dass Dorle und ich jeweils an einem Wochenende eine Szene drehten und den Text als Tonspur darunterlegten, damit Jorge wusste, welche Worte zu welchen Bildern gehören. Aber das war natürlich nur ein Anhaltspunkt, denn Filmmusik schafft vor allem Stimmungen und weckt Assoziationen. Sie kann die Bilder verstärken, konterkarieren, kommentieren, vorweg nehmen, nur Eines sollte sie nicht tun: „Mickeymousing“ betreiben, also die Bilder akustisch doppeln. Wenn man Geräusche einbindet, ist das gar nicht so einfach. Die Schmiedegeräusche bei Minute 4:50 passen genau zu Kawas Bewegungen, tragend ist aber die klagende Melodie der Duduk. Untermalt wird die Szene von klingelnden rhythmischen Geräuschen, die von Wagners „Fahrt in die Unterwelt“ (Rheingold) inspiriert sind.

Mit den Aufnahmen von Duduk, Zurna, Tenbur und verschiedenen Trommeln, allen voran der Erbane, hat Jorge traditionelle Instrumente des Kulturraumes, in dem viele Völker und eben auch Kurden leben, eingebaut. Unendlich hilfreich waren dabei Özlem, die uns das wunderschöne Schlaflied Lay Lay nahe brachte, und Cemil, der Tenbur und Trommeln unter anderem während eines Studio-Aufenthaltes in Holland einspielte. Den Bass und die Streichinstrumente zeichnete Jorges Sohn Joshua in Kolumbien auf. Jorge führte alles zusammen, komponierte die Melodien aus, spielte per Klavier verschiedene Stimmen ein usw. Genau das ist die Stärke von Netzwerken, und das ist auch eine Botschaft dieser Musik: Wir sind alle unterschiedlich und hier versammelt, um euch zu packen, zu rühren, um euch etwas zu sagen.

An einer Stelle kamen wir ins Schleudern: Für das große Freudenfeuer hatten Jorge und ich ein Chor-Stück im Kopf. In unserer Vorstellung wird gesungen, wenn man sich freut, wenn alle ein Fest feiern. Wir verlegten uns auf ein gefühlvolles, eher langsames Lied, das wir bei der Mainzer Weltmusikakademie gehört hatten. Doch alle, die wir fragten, sagten: „Das? Zu Newroz? Nein, das geht gar nicht.“ Schließlich brachte Özlem uns auf die richtige Spur: „Bei uns wird geklatscht und getanzt, wenn wir feiern“. Immer wieder schauten wir Videos auf youtube, versuchten, uns ein Bild von einem kurdischen Fest zu machen und ein geeignetes Lied zu finden. Aber die ganze kulturelle Vielfalt ließ uns ohne konkretes Ergebnis zurück. „Mach Musik wie auf einem Fest“, baten wir Bülent, und er spielte mit Permanent-Atmung auf der Zurna, dass es uns aus den Schuhen hob.

Auch wenn traditionelle Instrumente und Volkslieder im Spiel sind, wird das keine Folklore, und genauso wenig wird es Kunstmusik, bloß weil Wagner im Hinterkopf mitklingt. Wir wollten Klänge einbauen, die uns in die Landschaft, in die Legende mitnehmen. Trotzdem sollte die Musik aber auch eindeutig aus dem Jetzt und Hier stammen und die Register zeitgenössischer Filmmusik ziehen.

Jorge hat das großartig hinbekommen. In der Musik zum Trailer verbreitet er augenzwinkernd ein bisschen Hollywood-feeling. Episch! Und falls sich mal irgendein Kino für den Film interessieren sollte: Das Ganze gibt es in dolby-surround-Sound!

 

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